Ein Umbruch nicht erahnten Ausmaßes erfasste uns alle, wollte bewältigt
werden. Im kommunalen Bereich betraf das vor allem die Minderung der Folgen
der Auflösung der sozialistischen Großbetriebe in Industrie und
Landwirtschaft, den Sanierungsstau in Schulen, Kindertagesstätten und
dem großen kommunalen Wohnungsbestand, die Trinkwasser- und die Abwasserentsorgung,
sowie die unsäglich schlechten Straßenverhältnisse. Eigeninitiative
der Bürgermeister, schnelle, unkomplizierte Entscheidungen der Gemeindevertretungen
und eine Bearbeitungszeit von kommunalen Anträgen auf Landesebene -
von der wir heute nurmehr träumen können - das waren die tragenden
Säulen des Beginns des „Aufbaus Ost“ oder wie ich sie erlebt
habe - der „Wild-Ost-Zeiten“.
Doch bald wurden auch die Grenzen unserer Politik der Sofortmaßnahmen
sichtbar. Gegenüber Land, Kreis und eigener Bürgerschaft bedurften
die gemeindlichen Entscheidungen einem Mehr an neuen Rechtskenntnissen und
Rechtssicherheit. Die kleinen Gemeinde- und Stadtverwaltungen waren hierzu
mit ihrem Einzelbestand an Fachleuten oft überfordert.
Verwaltungsgemeinschaften aus mehreren Gemeinden bildeten sich deshalb 1991,
um die neuen Rechtsnormen besser umsetzen zu können. Schon Anfang 1991
entstand so auch die Verwaltungsgemeinschaft „Nonnenfließ“
mit den Gemeinden Grüntal, Trampe, Melchow, Spechthausen und Tuchen-Klobicke
aus dem Altkreis Eberswalde, bei nachfolgendem Beitritt der Gemeinden Tempelfelde,
Danewitz und Rüdnitz aus dem Altkreis Bernau.
Aus heutiger Sicht betrachtet war damit der Grundstock für die spätere
Bildung unseres Amtes geschaffen.
Im Land Brandenburg wurde per Gesetz die Bildung der Ämter verordnet.
Die Landräte hatten Amtsstrukturen innerhalb der künftigen, angedachten
Großkreise mit zumindest 5000 Einwohnern durchzusetzen. Diese Vorstellungen
bedeuteten eine grundsätzliche Neuorientierung für alle betroffenen
Gemeinden - von Biesenthal bis Trampe. Ein sogen. „Vorbereitender
Ausschuss“ als vorläufiges Arbeits- und Entscheidungsorgan, bestehend
aus den Bürgermeistern der Stadt Biesenthal und der Gemeinden der Verwaltungsgemeinschaft
„Nonnenfließ“ sowie Stadtverordneten und Gemeindevertretern,
nahm seine Tätigkeit auf, um bis zum vorgegebenen Termin, Juni 1992,
die Amtsbildung zu bewältigen, da sich für beide Partner keine
andere Alternative bot. Die Gemeinde Rüdnitz entschied sich damals
noch in Richtung Amt Panketal, Umso erfreulicher ist es, dass sie seit 2003
wieder zu uns gehört.
Nach der Vorlage eines tragfähigen Konzeptes zur Aufnahme der Arbeitsfähigkeit
der gemeinsamen Verwaltung bestimmte der damalige Innenminister A. Ziel
per Zustimmungserlass den 19. Juni 1992 als Zeitpunkt der Errichtung des
Amtes Biesenthal-Barnim.
Nach nur zwei Jahren mit selbstständiger Verwaltung war das für
keine Gemeinde eine „Liebesbeziehung“. Ich weiß aber auch,
dass auf Dauer die einzelnen Gemeindeverwaltungen den ständig steigenden
fachlichen und rechtlichen Ansprüchen nicht genügen konnten. Deshalb
war es aus heutiger Sicht und mit den Erfahrungen von 15 Jahren betrachtet
richtig, dass die Amtsverwaltung am 1. September 1992 für unsere damaligen
8 Gemeinden die Geschäftsführung übernahm, die politische
Entscheidungsgewalt aber weiterhin bei den Gemeindevertretungen verblieb.
Und genauso ist es noch heute, nach 15 Jahren.
Lässt man die 15 Jahre Amtsentwicklung kurz Revue passieren, kann man
die Aufgabenfelder Ihrer Verwaltung in zwei Zielbereiche gliedern: Das „äußere“
Ziel war, ist und bleibt der Erhalt der politischen und wirtschaftlichen
Gestaltungsräume für alle amtsangehörigen Gemeinden. Das
„innere“ Ziel wurde schon mit der Amtsbildung 1992 fremdgesetzt:
Wir haben die von Zeit zu Zeit erkennbaren, unterschiedlichen Interessenlagen
zwischen der Amtssitz führenden Stadt Biesenthal und den Dörfern
des Amtes nicht zu kaschieren sondern im Sinne des „äußeren“
Zieles auszugleichen. Solch ein Ringen ist nichts Befremdliches. Die Partner
müssen nur wissen, es kostet Zeit und Kraft, die wir dringend im regionalen
Wettbewerb und nicht für einen Wettbewerb innerhalb des Amtes benötigen.
Das „Scharnier des Barnim“, wie wir uns gern seit einigen Jahren
nennen lassen, kann seine Funktion nur wahrnehmen, wenn sich die Scharnierblätter
von Marienwerder im Westen bis Breydin im Osten um einen kräftigen
Bolzen in Biesenthal drehen, aber deren Bewegung auch nicht eingeschränkt
wird!
Der Zusammenhalt zwischen den Gemeinden wuchs auch, aber nicht ausschließlich,
durch die Übertragung von Aufgaben auf das Amt - gesetzlich wie freiwillig.
Durch das Brandschutzgesetz von 1993 übernahmen die Ämter die
Trägerschaft der Freiwilligen Feuerwehren. Diese waren und sind ein
wesentliches Bindeglied zwischen den Gemeinden.
Unsere regelmäßigen Amtsfeuerwehrfeste zeugen seit 1994 davon
und nicht zuletzt qualifizierte sich der neue Barnimer Kreisbrandmeister,
Kamerad Roman Wieloch, durch seine mehrjährige Tätigkeit als stellv.
Amtswehrführer Biesenthal-Barnim.
Mit Beschluss vom 24. Mai 1993 entschied sich der Amtsausschuss zur Bildung
des Amtshofes, der Zusammenführung aller Gemeinde- und Stadtbauhofmitarbeiter,
der ersten im Landkreis Barnim. Es entwickelte sich
eine schlagkräftige Struktureinheit, die kostengünstig und schnell
verfügbar unter Führung von Manfred Schulz kommunale Serviceaufgaben
löst.
Amtswappen und Amtsfahne sind seit 1993 bzw. 1995 sichtbare äußere
Zeichen des gemeinsamen Amtes. Zur Anerkennung und Würdigung von ehren-
und hauptamtlichen Leistungen wurde durch den Amtsausschuss das Ehrenzeichen
des Amtes Biesenthal-Barnim gestiftet. Seit dem 2. Jahr der Bildung des
Amtes besteht eine gemeinsame Schiedsstelle, die erfolgreich von Frau Elke
Christmann geleitet wird. Für die Unterstützung der Jugendarbeit
wurde durch die Gemeinden die gemeinsame Stelle des Amtsjugendpflegers (heute
Amtsjugendkoordinatorin) geschaffen, die seit 01.01.2005 durch Frau Renate
Schwieger eine hervorragende Besetzung gefunden hat.
Dass Gemeindezusammenschlüsse nicht eines Landesgesetzes bedürfen
und nicht im Widerspruch zum Selbstverwaltungsrecht stehen müssen,
zeigen das freiwillige Zusammengehen der Gemeinden Trampe und Tuchen-Klobbicke
zu Breydin, Melchow und Spechthausen zu Melchow und Grüntal und Tempelfelde
zu Sydower Fließ am 27. September 1998. Das Amt bestand sodann nur
noch aus 5, aber gestärkten, Gemeinden.
Nach erstem Kennenlernen und dem Entdecken von Gemeinsamkeiten schloss
das Amt am 5. Juli 1999 einen Rahmenvertrag über Partnerschaft und
kommunale Zusammenarbeit mit der polnischen Stadt und Gemeinde Nowy Tomys’il
bei Posen.
Spätestens ab dem Jahre 2001 standen die Zeichen im kommunalen Raum
Brandenburgs wieder auf Sturm. Eine Gemeindegebietsreform, die weit über
die Amtsordnung von 1992 hinaus gehen sollte, rüttelte an den Festen
der Gemeindebeziehungen. Alte Gräben brachen auch im Amt Biesenthal-Barnim
wieder auf. Einheitsgemeinde oder Beibehaltung der kommunalen Selbstständigkeit
in einem vergrößerten Amt - das war hier die Frage, die es zu
beantworten galt. Dank vieler Partner konnten wir im gemeinsamen Ringen
über 2 Jahre nachweisen, dass eine Weiterentwicklung unserer Gemeinden
in einem neuen, dem 3. größten Amt des Landes Brandenburg, für
alle zum Vorteil gereicht. Besonders bedanken möchte ich mich für
ihre außerordentlichen Bemühungen um den Erhalt der Selbstständigkeit
unserer Gemeinden: aus Biesenthal bei Herrn Altbürgermeister Thomas
Kuther, Frau Margitta Mächtig und Herrn Amtsausschussvorsitzenden Hans-Jörk
Bull; bei Herrn Bürgermeister Hubert Ritter aus Rüdnitz und aus
unserer jetzigen Großgemeinde Marienwerder bei Herrn Bürgermeister
Danko Jur, Herrn Ortsbürgermeister Reinhard Kilian aus Ruhlsdorf und
bei Herrn Altbürgermeister Burkhard Stegemann aus Sophienstädt.
15 Jahre Amt Biesenthal-Barnim beinhalten auch viele investive Vorhaben, die den wirtschaftlichen Aufschwung in unseren Gemeinden aufzeigen. Rund 56 Mio. € konnten verbaut werden, u.a. in der seit 1995 andauernden Stadtsanierung Biesenthal, dem kommunalen Straßenbau in allen 6 Gemeinden, den drei Grundschulen in Biesenthal, Grüntal und Marienwerder, den 8 Kindertagsstätten, dem Neubau von 5 und der Sanierung/Umbau von 6 Feuerwehrgerätehäusern sowie der Errichtung von mehreren Gemeindezentren und 2 Rathäusern.
In den nächsten Jahren werden sich unsere Gemeinden weiteren, neuen Herausforderungen stellen müssen. Die Probleme, die das Land mit einem soliden Kommunalfinanzausgleich hat, schlagen vermehrt und immer nachhaltiger auf die Förderung der Stadtsanierung und der Dorferneuerung durch. Die Kommunalpolitik muss den demografischen Wandel anerkennen und nach Ansätzen zum Umgang mit den Folgen streben. Die Neuausrichtung des Landes in den zentralörtlichen Strukturen (z.B. Wegfall der Grundzentren - Biesenthal) und in der Förderpolitik auf Branchenschwerpunkte und regionale Wachstumskerne führt zur Verstärkung des Wettbewerbs über die Kommunen hinaus zwischen ganzen Regionen. Das umso mehr, als dass das „kommunale Boot“ im Barnim leck geschlagen scheint, beginnend mit der Übertragung Eberswalder Oberschulen an den Landkreis, der Kündigung der Kitaverträge durch mehrere Gemeinden und Ämter sowie der Infragestellung einer gemeinsamen Wirtschafts- und Tourismusförderung, getragen von der WITO GmbH, durch die Einrichtung einer eigenen Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Stadt Bernau.
Der Zusammenhalt in einer Gemeinde, in einem Amt, wird in den nächsten
Jahren nicht mehr ausreichen, um notwendige Anpassungsstrategien zu entwickeln.
Das Amt Biesenthal-Barnim kann seine Chancen als „Scharnier des Barnim“
künftig nur nutzen, wenn es keinen Rückfall in zukunftsschädliche
Kirchturmpolitik gibt und interkommunale Zusammenarbeit mit anderen Ämtern
und amtsfreien Gemeinden auf regionaler Ebene gesucht wird. Wenn wir darin
einig sind, ist es mir um das nächste Jubiläum unseres Amtes Biesenthal-Barnim
nicht bange!
Lassen Sie uns weiter arbeiten, getreu dem Motto von Theodor Heuss:
„ Die Gemeinde ist wichtiger als der Staat, und das wichtigste in
der Gemeinde ist der Bürger“.
Danke sagen möchte ich auch meinen Kollegen Bürgermeistern, den
Mitgliedern der bisherigen Amtsausschüsse und der Gemeindevertretungen
für ihr Vertrauen und die gegebene Sicherheit für unser Handeln,.
all denjenigen, die in den vergangenen 15 Jahren ehrenamtlich in unseren
Vereinen tätig waren, dem WBB e.V. für die engen Kontakte zwischen
Wirtschaft und Verwaltung, meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die
gemeinsam mit mir manch kommunalpolitischen Sturm durchstanden haben und
vor neuen Aufgaben nicht zurückscheuen.
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